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Ökologisch-emanzipatorischer Wandel ist geboten
PDS-Parteitag hätte eine ökologische Reformstrategie einleiten
können
Marko Ferst
Kann in unserer Gesellschaft so etwas wie vernünftige Selbstbegrenzung
umgesetzt werden oder sind wir unverbesserlich an das Prinzip des Nimmersatt
gefesselt? Mit unserer Art zu leben, sterben jedes Jahr etwa 27000 Tier-
und Pflanzenarten aus, 6 Millionen Hektar Wüsten kommen hinzu. Klimakonferenzen
zielen an den Realitäten vorbei. Wir brauchen einen Quantensprung
in der Politik, sonst bleibt eine Zukunft mit menschlichem Antlitz völlig
utopisch. Es bedarf einer neuen Kultur und Verfaßtheit der derzeitigen
politischen Verkehrsformen.
Als Ökologische Plattform bei der PDS versuchten wir seit 1995 einen
Ökoparteitag per Antrag durchzubringen. Aus Zeitmangel behandelte
die später der Parteivorstand, der sie erwartungsgemäß
ablehnte. Auf der Rostocker Tagung setzte sich in einer Abstimmung der
Delegierten eine Option durch, die einen Parteitag mit den Themen Ökologie,
Süd-Nord und Feminismus festschrieb. Große Teile der "Parteiobrigkeit"
begeisterte dies nicht.
Das Thema wurde auf die dritte Tagung des 6. Parteitages aufgeschoben.
Nun ist aber eine Programmüberarbeitung zu entscheiden, UN-Militäreinsätze
sind Streitobjekt und
Änderungen des Status geplant. Die Krönung: Im Beschluss des
Vorstands vom 10.1. ist das, was eigentlich als Parteitagsthema beschlossen
wurde, auf drei Kurzvorträge plus Diskussion gestaucht. Ein Leitantrag
ist überflüssig.
Den Beitrag zur Ökologie soll jemand halten, dem Linientreue nachgesagt
wird. In dem vom Rostocker Parteitag beschlossenen Antrag war ausdrücklich
festgehalten, daß die AGs zu Feminismus und Internationalistischem
und die Ökologische Plattform den Parteitag "zu großen
Anteilen konzeptionell mit vorbereiten." Praktisch wurden alle Vorschläge
abgebügelt. Aber wozu muß man Parteitagsbeschlüsse einhalten?
Die AG Umwelt Brandenburg konterte: Eine zusätzliche Tagung des 6.
Parteitages zu den drei Themen ist beantragt, andere wollen die Tagesordnung
kippen.
Die PDS-Konferenz "Für eine ökologisch-soziale Zeitenwende"
im vergangenen Jahr war recht erfolgreich und zeigte - es geht auch anders.
Aber all das baut auf der Initiative weniger Engagierter. So legte u.a.
Dieter Klein in dem Band "Reformalternativen" sozialökologische
PDS-Vorschläge vor, die für einen ökologischen Kurswechsel
in der PDS erste Grundsteine setzen könnten und man findet hier und
da aktive Ökopolitiker, wie etwa Dagmar Enkelmann, Eva Bulling-Schröter
u.a.. Unbedingt erwähnt werden muß auch die unermüdliche
Arbeit der vielen einzelnen Ökoaktiven. Anstöße gab vor
seinem Tod auch der einstige DDR-Dissident und Sozialökologe Rudolf
Bahro. In einem parteibekannten aber noch unveröffentlichten Buch
fordert er die PDS auf, eine Abkehr von der jetzigen apokalyptischen Politik
zu versuchen und den populistischen Klientelismus zurückzudrängen.
Doch solche Einsichten sind schwer: Dietmar Bartsch wirbt für den
chinesischen Megastaudamm, der so groß wie das Saarland wird, bezeichnet
ihn als sozial und ökologisch verträglich. 1,3 Millionen Menschen
müssen dafür umgesiedelt werden. Minister Helmut Holter wollte
die Flugzeugindustrie im Norden ansiedeln, weil es auch überaus klimaverträglich
ist, auf eine massive Ausweitung des Flugverkehrs zu setzen, die dafür
unternehmerische Voraussetzung wäre. Und Gregor Gysi möchte
die Ökosteuer für mittlere und kleine Unternehmen im Osten abschaffen.
Wir waren als ökologischer PDS-Flügel schon mal so "vermessen"
zu fordern, eine zweite Personalstelle in der PDS für die Ökologie
zu schaffen. Im Gespräch durften wir vom Bundesgeschäftsführer
Bartsch erfahren, wir brauchen gar keine Ökologiestelle mehr. Kann
man so Parteichef werden?
Das die Situation bei der SPD und den Bündnisgrünen besser ist,
wenn man etwa an die Bombardierung von Chemiewerken denkt oder an das
Gefeilsche um einen jahrzehntelangen Atomausstieg darf sehr zweifelhaft
erscheinen. Angela Merkel fiel auch nicht gerade dadurch auf, daß
sie viel Verständnis gehabt hätte für die von den Castortransporten
geplagten Wendländer.
Es sind massive Zweifel an der Reformfähigkeit der Parteien angebracht,
angesichts der festgefahrenen Anschauungsweisen. Wir müssen Abschied
nehmen vom Wachstumsmodell und der damit verbundenen ökonomischen
Wettkampfordnung. Wenn in der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland"
festgehalten wurde, wir sollten den CO2-Ausstoß in allen reichen
Industrieländern bis 2050 auf ein Zehntel reduzieren, um ihn global
halbieren zu können, in den armen Ländern müsse es Spielräume
geben, so die Studie, dann ergibt sich folgende Frage: Jeden Tag schicken
wir etwa 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre und
wenn es denn künftig nur noch die Hälfte ist, so kommt jeden
Tag auf die vorhandene Grundlast immer noch ein riesiges Paket von 50
Millionen Tonnen oben drauf. Es wäre blauäugig darauf zu hoffen,
dies könnte uns ökologische Stabilität garantieren!
Wir kommen nicht daran vorbei, uns von dem heute herrschenden Weltbild
zu lösen. Die verschiedenen Kräfte, die sich für eine ökologisch-emanzipatorische
Zeitenwende engagieren, müssen Hand in Hand wirken auch über
Parteigrenzen und andere "Kopfmauern" hinweg. Nur wenn wir die
Tragweite der historischen Aufgabe begreifen und dementsprechend konsequent
politisch handeln, haben wir überhaupt eine geringe Chance, einen
finalen erdumspannenden Totalitarismus abzuwenden.
Frankfurter Rundschau 4.4.2000; junge welt 1.4..2000 (jeweils unterschiedliche
Versionen, hier Originalfassung)
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