Wind- und Solarenergie – Deutschlands Pionierrolle

 

Danyel T. Reiche


Bei einem Blick auf die nackten Zahlen macht sich zunächst Ernüchterung breit: Gerade einmal acht Prozent betrug der Beitrag erneuerbarer Energien an der deutschen Stromproduktion Ende 2003. Europameister Österreich kommt auf rund 70 Prozent, Schweden auf über 50 Prozent, und mit Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Portugal und Spanien haben acht weitere Länder einen höheren Ökostromanteil als Deutschland (Reiche 2002). Doch ein Blick hinter diese Zahlen zeigt, dass dies in erster Linie auf günstige geografische Gegebenheiten zurückzuführen ist. Nur in Dänemark (Windenergie) und Finnland (Biomasse) gibt es noch eine andere Erklärung für die hervorgehobene Platzierung im Vergleichsranking.
Deutschlands Position ist demgegenüber daran ablesbar, dass das Land Weltmarktführer in Bezug auf die absolut installierte Windkapazität ist, weltweit über die zweitgrößte installierte Fotovoltaik-Kapazität
verfügt (nach Japan) und innerhalb Europas bei der installierten Solarthermie-Fläche und dem Biodiesel-Absatz (den absoluten Zahlen zufolge) führend ist (Bechberger/Reiche 2004). Inzwischen arbeiten in den verschiedenen Sparten der erneuerbaren Energien in
Deutschland (direkt und indirekt) rund 130.000 Menschen; der Gesamtumsatz mit erneuerbaren Energien lag im Jahr 2001 bei 8,2 Mrd. Euro (BMU 2003, 19). Deutschland hat sich damit speziell im Bereich der Wind- und Solartechnik zu einem so genannten Lead-Markt entwickelt, was die nationalen Spielräume eines Landes in der
Energiepolitik deutlich macht. Lead-Märkte erfüllen für die ökologische Modernisierung der Weltmärkte die Funktion, die Entwicklungskosten von Umweltinnovationen und „die Kosten der Überwindung ihrer Kinderkrankheiten“ zu tragen, bis die Stufe der internationalen Wettbewerbsfähigkeit erreicht ist (Jänicke 2003, 10). Solche Führungsmärkte charakterisieren ein hohes Wohlstandniveau, eine anspruchsvolle und innovationsfreundliche Käuferschaft, hohe Qualitätsstandards und starker Innovationsdruck.
Lead-Märkte für umweltpolitische Innovationen beziehen sich in der Regel auf weltweit verbreitete Problemlagen und sind damit auf eine potenziell globale Nachfrage angelegt. Im Idealfall kann das Pionierverhalten dann so genannte first mover advantages in Form von Wettbewerbsvorteilen für die nationale Volkswirtschaft abwerfen. Lead-Märkte für umweltpolitische Innovationen basieren auf speziellen Fördermechanismen der Politik – wie in Deutschland bei den erneuerbaren Energien auf der Einspeisevergütung.
Ausbreitung des deutschen Einspeisevergütungsmodells
Jänickes Befund eines erhöhten Tempos bei der Diffusion umweltpolitischer Innovationen kann in Bezug auf das deutsche Einspeisevergütungsmodell bestätigt werden. Einspeisevergütungen waren bis zum Jahr 1998 das dominierende Förderinstrument für erneuerbare Energien in Europa (Busch 2003). Von 1998 bis 2002 führten allerdings
deutlich mehr Länder Quoten- als Einspeisevergütungsmodelle ein. Der Hauptgrund dürfte in einer institutionalisierten Diffusion durch die Europäische Kommission gelegen haben, die von 1998 an aus ihrer Präferenz für Quotenmodelle keinen Hehl machte, weil sie ihres Erachtens wettbewerbs- und marktkonformer seien. Viele Länder gingen davon aus, dass die im Aushandlungsprozess befindliche Richtlinie zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Strommarkt eine Vorgabe zur Anwendung von Quotenmodellen enthalten würde. Zudem bestand rechtliche Unsicherheit in Bezug
auf die Anwendung von Einspeisevergütungen, weil das Unternehmen PreussenElektra 1998 Klage gegen das deutsche Modell der Einspeisevergütung
vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht hatte. ( ... )

 

 

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