Rudolf Bahro - Vom DDR-Kritiker zum spirituellen Ökologen


Marko Ferst

 

Ein bemerkenswerter Umstand ist, die beiden bedeutenden Regimekritiker aus der DDR, Rudolf Bahro und Robert Havemann, die eine emanzipatorische Systemwende wollten, gelangen über die Auseinandersetzung mit dem eigenen Staat auf die Ökologieschiene und begreifen diese als Dominante für die Zukunft der gesamten Zivilisation. In diesem Kontext ist auch Wolfgang Harich zu nennen, der ebenfalls diese Notwendigkeit in seinem Buch "Kommunismus ohne Wachstum?" zum Ausdruck bringt, gleichwohl hier die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen System nicht geführt wird.
Macht man den Zeitvergleich und setzt den Band "Die Alternative" von Rudolf Bahro (er-schienen 1977) mit dem "Morgen" von Robert Havemann (erschienen 1980) in Beziehung, so wird man unschwer feststellen, bei Havemann ist die ökologische Komponente schon erheblich stärker ausgeprägt. Erst mit "Elemente einer neuen Politik", 1980 nach Bahros Haft herausgekommen, wird die radikale grüne Schiene deutlicher, aber auch in diesem Vergleich werden die Konsequenzen der ökologischen Krise von Havemann, so scheint mir, deutlicher angesprochen. Diese Gewichtung kehrt sich erst mit den späteren Veröffentlichungen um.
Bei Rudolf Bahro hatte man es mit einem Universalgelehrten, mit einem Exoten, mit einem Seher zu tun. Gewiß, auch bei ihm gab es Zerrlinsen. Manche seiner Ideen und Analysen sind für den mit seinem Wissenshorizont nicht Vertrauten, halsbrecherisch verknüpfte Steigpfade. In freier Rede konnte er sein Publikum zumeist in seinen Bann ziehen. Bahro ist nicht ein-fach gestrickt, man muß sich in seinen vielschichtigen Erkenntniskosmos einarbeiten. Oft können Elemente seiner Erfahrungs- und Wissenswelt mit Hilfe von Sekundärliteratur freigelegt oder doch zumindest transparenter gemacht werden. Den zentralen Grundstock erhält man durch die Lektüre seiner Werke zweifelsohne, aber man sollte nicht meinen, sich dadurch den ganzen Bahro erschlossen zu haben, selbst wenn seine Vorlesungen an der Humboldt-Universität zu Berlin eines Tages soweit möglich publiziert sein sollten. Es gibt dennoch einen breiten Gürtel, der nur schwer zu entdecken ist, auch je abhängig von den Vorkenntnissen desjenigen, der sich damit auseinandersetzt. Seine grundlegenden Thesen jedoch sind gut erfaßbar, wenngleich unbequeme Gedanken nicht unbedingt konjunkturfähig sein können.
Im niederschlesischen Flinsberg geboren, verlor Bahro als Flüchtlingskind die Mutter und zwei Geschwister. Mit 18 trat er der SED bei und studierte von 1954 bis 1959 Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Danach wird er für zwei Jahre Dorfzeitungsredakteur im Oderbruch und heiratet. Bis 1962 arbeitet er als Parteizeitungsredakteur in Greifswald und hat in dieser Zeit noch viel Zustimmung zu den Verhältnissen in der DDR. Bis 1965 ist er dann im Zentralvorstand der Gewerkschaft Wissenschaft tätig in Berlin und wechselt dann auf den ersten interessanten Posten, den des stellvertretenden Chefredakteurs der Wochenzeitschrift "Forum". Sie war eine der lebendigsten Zeitschriften der DDR zu dieser Zeit und wandte sich an junge Intellektuelle und Studenten. Als zweiter Chef bei der Zeitschrift nutzte er den Urlaub seines Vorgesetzten, um von Volker Braun das Stück "Kipper Paul Bauch" abzudrucken. Das Stück sollte nicht diskutiert werden. Er selbst wurde nach diesem Verhalten von den Parteioberen abgesetzt und in die Produktion geschickt.
Als die sowjetische Führung den Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968 mit Panzern erstickte, entschuldigte sich Rudolf Bahro bei der Prager Botschaft für das Verhalten auch der eigenen Genossen. In Folge arbeitete er an dem Buch "Die Alternative. Zur Kritik am real existierenden Sozialismus". Jahrelang führte er ein Doppelleben: Tagsüber werkte er im Kombinat, nach Dienstschluß tippte er sein Manuskript auf der Schreibmaschine.
Am 22. August kam dann sein großer Auftritt: Der Spiegel kündigte sein Buch "Die Alterna-tive. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus" an. Einen Tag später wurde er verhaftet, die Wohnungstür versiegelt. Längst lagen Bahros Thesen aber in Buchform als "Sprengsatz" bei einem Kölner Verlag, Gegenmaßnahmen der Staatssicherheit waren jetzt zu spät. Sein Fall war in allen bundesdeutschen Zeitungen in hervorgehobener Position präsent, seine Selbstinterviews wurden gesendet, die Fernsehberichte auch in vielen Haushalten der DDR empfangen.
Er warf der Partei Verrat am Sozialismus vor, machte kenntlich, wie die Idee ausgehöhlt worden war und schlug eine weitgehende Reform der Apparate-Herrschaft vor, eine grundsätzliche Korrektur der Gesamtpolitik. Es könne nicht angehen, daß die etablierte Politbürokratie die sozialistischen Hoffnungen zum Gespött der Massen macht. Er charakterisierte die östlichen Staaten als Systeme mit organisierter Verantwortungslosigkeit, in denen die Subalternität der Menschen geradezu herangezüchtet wird.
Notwendig ist aus seiner Sicht eine grundsätzliche Umwälzung der ganzen subjektiven Lebensform der Bevölkerung. Er sieht darin eine Kulturrevolution, die von der geschichtlichen Einschnittiefe nur vergleichbar ist mit dem Einstieg in die Klassengesellschaft durch die patriarchale Sozialstruktur, die vertikale Arbeitsteilung und dem Aufkommen des Staats. Bahro wollte eine gesellschaftliche Ordnung, die auf emanzipatorische Interessen, auf inneres Wachstum, auf Selbstverwirklichung und Differenzierung der Persönlichkeit baut, befördert wissen.
Schon in der "Alternative" macht Bahro darauf aufmerksam, der innere Wandel des Men-schengeschlechts ist ein zentraler Zugang, um der grenzenlosen Expansion der materiellen Bedürfnisse Einhalt zu gebieten. Der Industrialismus hat in einigen Weltregionen bereits das zuträgliche Maß überschritten. Wir vernutzen, worauf andere Völker und spätere Generationen ein Anrecht für ihr Leben hätten. Unser Erfolg in der Beherrschung der Natur droht uns als ökologische Selbstvernichtung einzuholen. Gesellschaftlicher Fortschritt müsse also in Zukunft völlig anders verstanden werden. Kollektive Rücksicht gegenüber dem Naturzusammenhang wäre zu lernen und der Bruch mit dem industriellen Größenwahnsinn unserer Epoche ist nötig. Kritisch betrachtet er bereits den Lebensstil in der DDR: Wer modern sein will, muß drei mal im Leben die Möbel in der Wohnung auswechseln. Ist es wirklich nötig, daß jeder ein privates Auto nutzt, Kleiderschränke aus den Fugen gehen oder Zweitwohnungen für privilegierte Bevölkerungsschichten in Erholungsgegenden gebaut werden, ganz zu schweigen von verschiedenen Staatspalästen in den Städten?
Bahros Perspektive war es in der "Alternative" nicht, eine Parteienherrschaft nach westlicher Spielart zu etablieren. Reale Demokratisierung erschien ihm als Voraussetzung der ökonomischen Emanzipation der Massen. Die Wahrung der Menschenrechte und die Einführung politischer Demokratie sind wichtig, doch zentraler ist für ihn, daß man eine Aufklärungsbewegung zustandebringt, die den langfristigen Kampf um eine neue Gesamtpolitik führt. Von unten sollte die Selbstverwaltung in die Institutionen hineinwachsen. Sein Anliegen war nicht, einen kolonialen Prozeß hervorzurufen, bei dem das westliche System das östliche Deutschland wieder heimholt. Klar positioniert war auch, die dortige Plutokratie kann kein Vorbild sein für die Emanzipationsbewegung des eigenen Landes. Um das Bild noch ein wenig abzurunden, sei hier die Linie bis in sein Werk "Logik der Rettung" fortgeführt. Die sogenannte "freiheitliche Demokratie" würde es verdammt nötig haben, so schreibt er, in der gegebenen beschränkten, korrumpierten und durch Ausbeutung rund um den Erdball diskreditierten Form abzusterben. Es ginge darum, daß die in ihr richtig gefaßten Prinzipien wiedergeboren werden können, jenseits des kapitalistischen Expansionismus. Die Demokratie sei mindestens so verlarvt auf die Welt gekommen, wie mit der russischen Revolution der Kommunismus.
Gut zwei Jahre wurde Bahro inhaftiert und dann im Zuge einer Amnestie zum 30. Jahrestag der DDR entlassen. Nach seiner Ankunft im anderen deutschen Staat wendete Bahro sich den Grünen zu. Carl Amery hatte ihn im Westen, als "heimlichen Grünen" angekündigt. Dort interessierte Bahro das Bündnis von Dutschke bis Gruhl, das quer zu den bisherigen sozialpolitischen Fronten verlief. Er meinte, die ökologische Krise könne nur von so einem breiten Bunde her politisch angegangen werden. Sein Engagement blieb vergeblich. Den Grünen ging es nur um Ökokosmetik, den modernen Lebensstil stellten sie nicht in Frage. So schrieb er z.B.: "Obwohl in der Idee bei Ökopax geblieben," da konnte er von künftigen Kriegseinsätzen noch nichts wissen, "haben sie vor lauter Reformismus und Machtbeteiligungsdrang die ursprüngliche Substanz ihres Ansatzes ganz in tagespolitisches Kleingeld umgewechselt." Eine Resolution zum Tierschutz, die den Standpunkt des "vernünftigen Experimentators" verteidigte, war dann nur der letzte Anstoß für den Austritt 1985. In den ersten Jahren in der Bundesrepublik widmet Bahro auch einen Großteil seiner Zeit der Friedensbewegung. Er will erreichen, daß die beiden Militärblöcke anfangen, einseitig abzurüsten, statt neue Atomraketen aufzustellen.
Eine Auseinandersetzung mit den westlichen Systemen verfolgte Bahro konzentriert in sei-nem zweiten Hauptwerk "Logik der Rettung". Dort zielt er auf eine grundsätzliche Kritik der patriarchal-kapitalistischen Zivilisation. Täglich gelangen weltweit Millionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre und schließen die Wärmefalle immer weiter, ungefähr drei- bis vierhundert Tier- und Pflanzenarten sterben täglich aus. Die Wüstenregionen nehmen Quadratkilometer um Quadratkilometer mehr Land in Beschlag. Innerhalb weniger Genera-tionen werden die nicht erneuerbare Rohstoffe wie z.B. Erdöl aufgebraucht, die in Jahrmillionen entstanden. Die Bevölkerungszahl auf der Erde verdoppelt sich in immer kürzeren Abständen, ebenso wie die "Geburtenrate" von Automobilen. Alle 90 Minuten ist im brasi-lianischen Regenwald ein Gebiet von der Größe Kölns abgerodet. Mit 3000 m² pro Sekunde vernichten wir global den Wald, mit 1000 Tonnen pro Sekunde erodiert der Boden. Erst aus einer zusammenhängenden Panoramaschau einer Vielzahl solcher Daten kommt langsam zum Vorschein, was da eigentlich auf uns zurollt.
Rudolf Bahro versucht, gestützt auf Wolfram Ziegler, den Energiedurchsatz pro Quadratkilometer mit einem "Schadäquivalent" für den regional ermittelten Umfang an Stoffumwandlung und die Natureingriffe in Beziehung zu setzen. Ausgangspunkt ist, die eingesetzte technische Fremdenergie sei der entscheidende Hebel unseres Eingriffs. Mittelbar gekoppelt wäre daran auch der Materialverbrauch und die Naturvergiftung- und Zerstörung. Es ist natür-lich außerordentlich kompliziert, die biosphärischen Belastungsgrenzen in konkrete Maßzahlen und Anhaltspunkte zu übersetzen, schon weil sich viele nichtlineare Entwicklungen in den Ökosystemen nur schwer wissenschaftlich exakt beschreiben lassen. Dennoch ist es ein inter-essanter Ansatz zu sagen, wir markieren mit einer Kennzahl den "Belastungsdruck" auf die Biosphäre, angegeben in Kilowatt(äquivalent)stunden pro km2 je Tag. Damit geht man in jedem Fall einen deutlichen Schritt weiter, als die meisten anderen auch aktuellen Bücher im Umweltbereich. Diese Kennzahl kann aber bestenfalls der Versuch einer groben Näherungsgröße sein. ( ... )

 

 

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