Robert Havemann (1910 - 1982)

 

Informationen:

Marko Ferst: Morgen im Land Utopia. Zum 90. Geburtstag von Robert Havemann

Marko Ferst; Die Ideen für einen "Berliner Frühling" in der DDR. Die sozialen und ökologischen Reformkonzeptionen von Robert Havemann und Rudolf Bahro

Robert-Havemann-Gesellschaft

Robert Havemann, Biographie

Robert Havemann, Wikipedia

     
   
     

"Sein Buch „Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg“ dürfte neben dem Werk „Die Alternative“ von Rudolf Bahro zu dem interessantesten politischen Buch gehören, das in der DDR entstanden ist. Den verschiedenen Weltmächten empfahl Havemann, einseitig mit militärischer Abrüstung zu beginnen, wie Gorbatschow es wenige Jahre darauf dann in die Tat umsetzte. Er hielt in dem Band weder die östlichen noch die westlichen Systeme für fähig, auf Dauer eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz zu sichern." Marko Ferst

Hinweis: Der Band "Morgen" von Robert Havemann ist seit kurzem wieder erhältlich. Man kann ihn bei uns bekommen für 14,90€. Am 11.3.2010 wäre Havemann 100 Jahre alt geworden.

     
   
 
 

Robert Havemann ist einer der schärfsten und klügsten Systemkritiker im einstigen östlichen Lager gewesen. Obwohl rund um die Uhr überwacht und für mehr als zwei Jahre unter Hausarrest gestellt, gelang es der DDR-Obrigkeit, nie ihn mundtot zu machen. 1943 vom NS-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, überlebte er dank günstiger Umstände. Er nimmt Partei für den sozialistischen Aufbau, doch die Enthüllung der stalinschen Verbrechen 1956 bewirkt einen Wandel. Seine Aufsehen erregende Vorlesungsreihe an der Berliner Humboldt-Universität 1963/64 führt zum Berufsverbot und dem Ausschluß aus der Partei. Seitdem stritt er mit Büchern und Artikeln, die er im Westen publizierte, für eine revolutionäre und demokratische Veränderung in der DDR und inspirierte die Oppositionsbewegung.
In seinem Buch „Morgen“ versuchte Havemann eine Bestandsaufnahme der politischen Systeme in Ost und West. Er zeigt auf, warum die Politbürokratien nach sowjetischem Muster versagen mußten, und kritisiert zugleich die westlichen Plutokratien. Beide Systeme seien in ihrem Wachstumswahn nicht geeignet, die ökologische Zivilisationskrise zu meistern. So entwirft er eine Sozialutopie, die eine alternativ-ökologische Zukunftsgesellschaft präsentiert, viel Stoff für kontroverse Diskussion.
Heute steht die Frage, ob der Untergang unserer Gesellschaften noch aufzuhalten ist, weit drängender auf der weltpolitischen Tagesordnung. Ein kurzer Essay von Marko Ferst versucht eine aktuelle Lageeinschätzung. Schon Havemann schloß nicht aus, es könnte ein Rückfall in barbarische Zustände drohen, gelingt keine zukunftsfähige, ausbeutungsfreie Ordnung.




80 Seiten, Broschüre zur Biographie kann für 2 € plus Porto bei der Robert-Havemann-Gesellschaft bestellt werden

Robert Havemann. Zu seiner Biographie

Der Physikochemiker Robert Havemann wurde am 11.3.1910 in München geboren, studierte Chemie und promovierte 1935. Seit 1932 war er Mitglied der KPD und schloß sich 1933 dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. Als Mitbegründer der Gruppe „Europäische Union“ verurteilte man ihn 1943 zum Tode. Die Wiederstandsgruppe half Verfolgten, besorgte Lebensmittel, Papiere u.a. Befreundete Wissenschaftler erreichten wiederholt den Aufschub der Hinrichtung, indem sie seine Forschung als „kriegswichtig“ einstufen lassen. So überlebte er, bis die Rote Armee im April 1945 das Zuchthaus befreite.
1945 wird er als Leiter der Kaiser-Wilhelm-Institute im Westteil Berlins eingesetzt. 1950 entläßt man ihn als Abteilungsleiter am Institut für Physikalische und Elektrochemie fristlos, weil er im „Neuen Deutschland“ die amerikanischen Pläne für eine Wasserstoffbombe kritisiert. In Folge wird er Professor und Direktor des Physikalisch-Chemischen Instituts an der Humboldt-Universität. 1949 heiratet er zum zweiten Mal. In den Nachkriegsjahren engagierte sich Robert Havemann vorbehaltlos für den Aufbau der DDR als sozialistische Alternative. Er ist Vorsitzender des Berliner Friedenskomitees und bis 1963 Volkskammerabgeordneter für den Kulturbund, tritt 1951 der SED bei. 1953 wird er Kontaktperson für die Staatssicherheit, ab 1959 observiert diese ihn selbst. Die Enthüllungen von 1956 über die stalinschen Verbrechen erschütterten Havemann tief und bewirkten einen allmählichen Wandel. Noch 1959 bekommt er den Nationalpreis der DDR. Nach seiner Aufsehen erregenden Vorlesungsreihe an der Berliner Humboldt-Universität 1963-64 erhielt er Berufsverbot und wird aus der Partei ausgeschlossen. Über 1000 Hörer hatten sich bei ihm eingeschrieben. Die Vorlesungen erscheinen später im Westen. In der DDR kann Robert Havemann fortan keine Zeile mehr veröffentlichen. Aus seiner letzten offiziellen Wirkungsstätte, der Arbeitsstelle für Photochemie an der Akademie der Wissenschaften, wird er im Dezember 1965 fristlos entlassen und im März 1966 statutenwidrig aus der Akademie ausgeschlossen.
Doch Havemann läßt sich nicht zum Schweigen bringen und wird so zu einem der bekanntesten Kritiker des SED-Regimes. Mit zahlreichen Artikeln und Büchern, die er im Westen publiziert, nimmt er Einfluß auf die politischen Verhältnisse in der DDR. 1970 erschien in Westdeutschland sein Buch „Fragen Antworten Fragen. Aus der Biographie eines deutschen Marxisten“. Später wurden weitere Bücher mit Beiträgen von ihm veröffentlicht. 1974 heiratet er Katja Grafe.
Im November 1976, als er gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann protestiert, stellt ihn die SED-Führung bis zum Mai 1979 unter Hausarrest. In Grünheide war der gesamte Straßenzug, in dem er wohnte, hermetisch abgeriegelt. Zeitweise ließen die DDR-Oberen ihn mit mehr als 200 Personen operativ beschatten und bewachen. Im April 1979 beschlagnahmte die Staatssicherheit in stundenlangen Hausdurchsuchungen seine wichtigsten Arbeitsmittel, seine Schreibmaschine, Manuskripte, fast die gesamte Bibliothek, persönliche Briefwechsel, Kassettenrecorder und anderes mehr. Gleich darauf, im Juni 1979, wird Robert Havemann in einem Zoll- und Devisenverfahren, dessen Drehbuch die Staatssicherheit geschrieben hat, wegen seiner Publikationen im Westen zu einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. 1980 erschien sein Buch „Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg“.
In seinen letzten Lebensjahren wendet sich Robert Havemann erneut friedens- und deutschlandpolitischen Fragen zu. Kurz vor seinem Tod am 9. April 1982 erscheint der „Berliner Appell“, den er zusammen mit Rainer Eppelmann ausgearbeitet hatte.
Mit seiner mutigen Haltung, seinem Freiheitsbegriff und seiner politischen Lebenserfahrung wurde Havemann zu einer Symbolfigur der DDR-Opposition. Er stritt für Freiheit, Menschenrechte und eine legale Opposition im Sozialismus und thematisierte die deutsche Teilung.

Bücher von Robert Havemann

Atomtechnik geheim? Hrsg.: Deutsches Friedenskomitee und Kammer der Technik, Berlin 1951
Einführung in die chemische Thermodynamik, Berlin 1957
Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung, Hamburg 1964 (erweiterte DDR-Ausgabe: Hrsg. von Dieter Hoffmann und Hartmut Hecht, Berlin 1990)
Fragen Antworten Fragen. Aus der Biographie eines deutschen Marxisten, München 1970 (DDR-Ausgabe, Berlin, Weimar 1990)
Rückantworten an die Hauptverwaltung „Ewige Wahrheiten“, München 1971 (erweiterte DDR-Ausgabe, Berlin 1990)
Berliner Schriften. Aufsätze, Interviews, Gespräche und Briefe aus den Jahren 1969 bis 1976, Hrsg. von Andreas W. Mytze, Berlin 1976
Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation. Hrsg. von Manfred Wilke, Hamburg 1978
Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg. Kritik und reale Utopie, München und Zürich 1980 (DDR-Ausgabe: Halle und Leipzig 1990)
Die Stimme des Gewissens. Texte eines deutschen Antistalinisten, Hamburg 1990
Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde. Texte eines Unbequemen. Hrsg. von Dieter Hoffmann und Hubert Laitko, Berlin 1990

 

 

Katja Havemann, Joachim Widmann; Robert Havemann oder wie die DDR sich erledigte

Literatur über Robert Havemann

Hartmut Jäckel (Hrsg.): Ein Marxist in der DDR. Für Robert Havemann. Piper, München 1980
Dirk Draheim, Hartmut Hecht, Dieter Hoffmann: Robert Havemann. Dokumente eines Lebens, Berlin 1991
Silvia Müller und Bernd Florath (Hrsg.): Die Entlassung. Robert Havemann und die Akademie der Wissenschaften 1965/66. Eine Dokumentation, Hrsg. von der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 1996
Guntolf Herzberg: Robert Havemann und die Philosophie. Vortrag auf einer Gedenkveranstaltung zum Tode Robert Havemanns, gehalten am 22. April 1982. In: Abhängigkeit und Verstrikkung. Forschungen zur DDR-Geschichte, Bd. 8, Berlin 1996, S. 217-233.
Clemens Vollnhals: Der Fall Havemann. Ein Lehrstück politischer Justiz, Berlin 1998
Manfred Wilke und Werner Theuer: Der Beweis eines Verrats läßt sich nicht erbringen. Robert Havemann und die Widerstandsgruppe Europäische Union. In: Deutschland Archiv, Köln, 32. Jg., 1999, H. 6, S. 899-912.
Simone Hannemann: Robert Havemann und die Widerstandsgruppe „Europäische Union“. Eine Darstellung der Ereignisse und deren Interpretation nach 1945, Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2001
Christof Geisel und Christian Sachse: Wiederentdeckung einer Unperson. Robert Havemann im Herbst 1989 - Zwei Studien, Berlin 2000
Katja Havemann, Joachim Widmann: Robert Havemann oder Wie sich die DDR erledigte, Berlin 2003
Sandra Thieme: Perspektiven ökologisch-nachhaltiger Entwicklung. Zur Aktualität utopischen Denkens, Schkeuditz 2004, Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg (mit ausführlichen Überlegungen zu Havemanns „Morgen“)
Marko Ferst: Die Ideen für einen „Berliner Frühling“ in der DDR. Die sozialen und ökologischen Reformkonzeptionen von Robert Havemann und Rudolf Bahro, Helle Panke e.V, 2005 (www.helle-panke.de)
Arno Polzin: Der Wandel Robert Havemanns vom Inoffiziellen Mitarbeiter zum Dissidenten im Spiegel der MfS-Akten. BStU Berlin, BF informiert, Heft 26, 2005
Christian Sachse: Die politische Sprengkraft der Physik. Robert Havemann im Dreieck zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Sozialismus (1956-1962), Münster 2006
Robert Allertz (Hrsg.): Sänger und Souffleur. Biermann, Havemann und die DDR, Berlin, 2006 (sehr problematische Lektüre)
Werner Theuer und Bernd Florath: Robert Havemann Bibliographie. Mit unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass, Hrsg. von der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2007
Werner Theuer (Hrsg.): Robert Havemann. Kurzbiographie, Dokumente, Auswahlbibliographie, Hrsg. von der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2007
Florian Havemann: Havemann, Frankfurt am Main 2007
Werner Theuer, Arno Polzin: Aktenlandschaft Havemann, Berlin 2008
Andreas Heyer: Ökologie und Opposition. Die politischen Utopien von Wolfgang Harich und Robert Havemann, Helle Panke e.V., 2009 (www.helle-panke.de)

 

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